Superbrevet „London Edinburgh London“ 2025 oder ~ Vom Winde verweht… ~

Dirkl Ehling

LEL ist ein Super-Brevet über mehr als 1500 Kilometer, welches alle 4 Jahre im Weltkalender der Langstreckenfahrer steht. Mein erster Start sollte eigentlich, ja eigentlich mein Saisonhöhepunkt werde. Jedoch kam es anders, ganz anders ...

2100 Langstreckenfahrer/Randonneure aus aller Welt (57 Länder) trafen sich Anfang August voller Vorfreude in Writtle, dem Startort, gut 50 Kilometer östlich von London gelegen. LEL ist neben PBP das zweitbekannteste Brevet, ein Kult-Event, Startplätze begehrt und begrenzt, und ein Must haven in der Randonneur-Szene. Neben den Engländern stellte Indien mit 220 Startern die stärkste ausländische Fahrgruppe, noch vor 190 deutschen Startern. Aber auch andere asiatische Nationen waren stark vertreten, neben Japan, Taiwan, Süd-Korea, natürlich China.

Für mich war es ganz klar der diesjährige Saisonhöhepunkt. Hart habe ich um einen Startplatz gekämpft. Meine Trainingsvorbereitung bestand aus diversen Langstreckenfahrten, verschiedene Brevets als auch Radmarathons. Gleich 3x 1000er Brevets habe ich innerhalb von 7 Wochen erfolgreich absolviert. Das Radequipment war perfekt abgestimmt, genau wie mein Bike. Planung, Organisation und die entsprechenden Buchungen liefen schon seit letztem September. Safe. Die Vorfreude war riesig.

Der neue Startort in Writtle bot mit dem Collegegelände und Gebäuden die benötigte Infrastruktur für ein solches Megaevent. Zeltplatz, Caravaning, Studentenunterkünfte incl. der notwendigen Sanitäreinrichtungen waren zahlreich vorhanden.
Bei der Abholung der Startunterlagen traf ich gleich mal Bärbel vom Audax Club SH. Was für ein Zufall, Bärbel war als Volunteer bei LEL dabei und gab mir meine Unterlagen raus. Im weiteren Verlauf des Tages gab es noch viele weitere Hallo´s und Shake Hands mit befreundeten Radfahrern. Ein besonderes Treffen war mit meinem brasilianischen Radfreund Leandro. Ihn kenne ich seit PBP 2023 und wir sind in Italien im letzten Jahr bei 1001 Mille Miglia ein Stück zusammengefahren. Das Wiedersehen war herzlich. Wir tauschten Radsachen aus und verabredeten uns lose nach der Tour im Ziel, ich hatte vorausschauend Bier im Auto mitgebracht.

Let´s go

Mein Start war direkt in City of London, Sonntag 3.August, 5:00am, erste Startgruppe LA, in kurz-kurz und hochmotiviert. Mein Fahrplan 110h = Donnerstag, 07.08., 19:00pm. Hauptorganisator Danial schickte Radfreund Simon und mich persönlich auf die Reise.
An den Linksverkehr konnte ich mich am Vortag gewöhnen, im Kreisverkehr war ich noch vorsichtig. Im Convoy ging es zügig durch das frühmorgentliche stille London - kaum Verkehr, alle Ampeln waren "grün". Herrlich so durch London zu düsen.
Nach ca. 70 Kilometer vereinten sich beide Startorte (London und Wirttle) zu einer Strecke. Es wurde voller und es kam neuer Schwung in die Gruppen. Ich befand mich alsbald in einem bunten und vielsprachigen Fahrerfeld. 

Meine Stempelkarte wies 1558 Kilometer, ca. 13.00 Höhenmeter, max.128h, 20 Kontrollen, BagDrops in Richmond und Dalkeith aus.

Im hohen Startgeld war die Versorgung, die Schlafplätze und Duschmöglichkeiten an den Depots enthalten. Ebenso 2x Bag Drops mit max. 2,5 kg Inhalt. Mehr als 1000 Volunteers!, freiwillige Helfer waren im Einsatz. Zwischen den Hauptkontrollen gab es diesmal einige sogenannte Pop-Up Stationen (cash/card), wo man sich versorgen oder schlafen konnte, teils auch duschen. Nur an einigen markanten oder schwierigen Stellen gab es eine Wegweisung, sprich eine Ausschilderung. Die Streckenführung war jedoch einfach und mit dem Track kein Problem, solange das entsprechende Navigations-Gerät genug Akkuleistung hatte. An den Kontrollen war es diesmal explizit verboten seine zahlreichen Stromgeräte (Handy, Uhren, Lichter, Navis,...) an den dortigen Steckdosen aufzuladen (Disqualifikation). Als Lösung gab es ein Powerbank-Tauschsystem. Ich hatte vorsorglich etwa 100.000 mAh "dabei", verteilt auf die beiden BagDrops und on Board. Sollte reichen.

Es wurde vorwiegend auf ruhigeren Nebenstraßen gefahren, größere Staddurchfahrten vermieden. An einer Stelle mußte eine stark befahrende Bundesstrasse gequert werden, dort standen by Day&Night Streckenposten bereit. Großartig! Das Streckenprofil war durchweg wellig bis hügelig, somit hielt das Gruppengefüge teils nur temporär. Interessant zum Ansehen war wiedermal die Ausrüstung einiger Teilnehmer. So manches Fahrradteil bzw. desen Anbau wirkte gewagt bis exotisch. Die technische Ausstattung und Ausführungen waren ideenreich und vielfältig. Bunt waren die Gruppen vorallem wegen den unterschiedlichsten Trikots und deren Designs. Auffällig waren die vielen asiatische Teilnehmerinnen.

Die Stimmung war auf und neben der Strecke ausgesprochen herzlich. Ich kam gut voran, hielt mich an meinem Fahrplan und die Pausenzeiten kurz. Unterwegs und in den Depots traf ich immer wieder Radfreunde. Die erste Nacht bin ich durchgeradelt und war "pünktlich" zum Frühstück am Montag, 04.08., in Richmond (km 485). Hier wartete mein erster BagDrop auf mich. Geduscht,mit neuen Radsachen und vollen Akkus machte ich mich hoch motiviert und bestens gelaunt auf den Weg. Das Wetter erlaubte weiterhin in kurz-kurz zu fahren, das sahen einige Asiaten allerdings ganz anders. Der Wind wehte von links kommend zunehmend kräftiger, aber für mich als Nordeutscher gar kein Problem. Auf nach Brampton (KP7) - letzter Kontrollpunkt vor Schottland.

... und dann kam FLORIS

Sturmtief Floris traf am 4. August 2025 auf die Britischen Inseln und brachte heftige Regenfälle sowie starke Winde mit sich, was zu Reisechaos, Stromausfällen und Schäden führte. Es handelte sich um einen für die Jahreszeit ungewöhnlich starken Sommersturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 132 km/h in Schottland, der die zweithöchste Windwarnstufe auslöste. In Orkanböen wurden teils bis zu 145 km/h gemessen. Vorsichtshalber wurde unter anderem das Edinburgh Castle geschlossen. Betroffen waren auch Teile von Nordengland. Störungen im Bahnverkehr und Stromausfälle waren die Folge, und auch in Deutschland wurden Fahrten nach Helgoland abgesagt.

Ja, es wehte käftig(er) auf der nachfolgenden Strecke Richtung Schottland. Ich mußte den Lenker gut festhalten und das Bike gelegentlich nach links korregieren. Zum Glück fuhren die Autos ja schon links bzw rechts von mir aus gesehen und es gab kaum Bäume, wo Geäst hätte fallen könne. An so mancher Steinmauer reihten sich die Schafe hintereinander und "hatten Angst um ihre Locken". 
Auf halben Wege nach Brampton winkten freundliche Helfer in Mickleton meine MItfahrer und mich in ein kleines Pop-Up Cafe. Na ja, zur Mittagszeit kam mir dieser Stopp gelegen. Ein WC-Besuch und ne Kleinigkeit gegesen und ich wollte weiter, eigentlich ...

Game over

No, no further travel. We´re waiting for better weather.Too much wind.

Gestandet! Mein sportlicher Ehrgeiz trifft auf die Macht der englischen Natur, 0:1. Es hieß, gegen 14:30pm gäbe es ein offizielles Statement seitens des Organistors Danial Webb. Also erstmal Pause. Ganz überraschend kam dieser Zwangs-Stopp nicht. Am Anreisetag, Freitag, 01.08., ging an alle Teilnehmer eine Wetter-Warnungs-Email raus: Wer den Zwangs-Stopp mißachtet bekommt 2h Zeitstrafe. Wer einen Rettungseinsatz deswegen verursacht erhält -5h. Eine Anfrage betreff entsprechender Zeitgutschrift für diese Pause war beim Weltverband LRM in Paris vorabgestellt worden. 
Eine endgültige Aussage gab es um 19:30pm: LEL 2025 wurde abgebrochen. Zu gefährlich die Windverhätnisse für die Weiterfahrt Richtung Schottland. Unkalkulierbar das Risko. Die Gesundheit und Unversehrtheit aller Telnehmer und der vielen Helfer hatten oberste Priorität. Verständlich und nachvollziehbar, wenn auch ärgerlich und sehr frustrierend: Die monatelange Vorbereitung und Planung vergebens, der nicht unerhebliche Geldaufwand umsonst, die fehlende Homologation - ich musste wirklich einmal kräftig schlucken. Ein englischer Radfreund versuchte mich zu trösten "When life gives you lemons, make lemonade." Es gelang ihm mittelmäßig.

Von Seiten der Organisation gab es die Bitte, die Empfehlung bis 7:00am am Dienstag in den jeweiligen Depots zu bleiben und dann die Rückfahrt auf der Südroute anzutreten. Somit blieb Zeit die Kontrollen umzuplanen und die benötigte Manpower bereitzustellen. Mehr als 2000 Radfahrer komprimiert geordnet zurückzubringen war ne Mammutaufgabe und eine unglaubliche organisatorische Herausforderung.
Die Helfer im Po-Up Cafe waren um uns sehr bemüht. Anstatt bis zu 50 Radfahrer zu bewirten, mussten jetzt ca. 150 mit allem versorgt werden. Es wurden Luftbetten und einfache Decken für die Nacht organisiert. Sogar an ein Wachdienst für die draußen stehenden vielen Räder wurde gedacht. Der Zusammenhalt unter allen Radfahrern und den Freiwilligen in dieser Situation war unglaublich. Also erstmal nächtigen. Good Night.

Nach einem einfachen Frühstück und einer 19 stündigen Standzeit machte ich mich auf den Rückweg. Ich nutzte die Pause um einen neuen Fahrplan für mich zu machen, konnte ausreichend schlafen und mich ausreichend erholen. Bis auf eine Dusche fehlte mir nichts. Der Aufenthalt hatte mich knapp 50£ an Verpflegung gekostet. Der Tourabbruch beschäftigte mich gedanklich zwar immer noch, jedoch: Das Leben geht weiter, und auch in der Randonneurswelt geht am nächsten Tag die Sonne auf. So startete ich neu motiviert in diesen 3. Tag, Dienstag, 05.08, Richtung "Ziel".

Ursprünglich plante ich ja in Edinburgh abends meinen Geburtstag in einem Pub mit schottischem Wiskey zu feiern. Aber wie John Lennon passend ironisch sagte: "Leben ist das was passiert, während du dabei bist andere Pläne zu schmieden." 

Retoure

LEL2025 ist Geschichte. Kurzerhand wurde daraus LFL "London Floris London". Die Stimmung bei den meisten Teilnehmern und Volunteers war trotz der besonderen Umstände gut, genau wie bei mir. Dazu trug vorallem auch das sommerliche Wetter bei. Es blieb regenfrei und es gab sogar teils Schiebewind. Bis auf wenige Ausnahmen glich die Süd-Strecke der Hintour. Jetzt hatte ich mehr Zeit und Ruhe für`s Bilder machen und zur Kontaktpflege. Imposant war die Humber Bridge beim Depot Hessle und nur für diese Veranstaltung für uns LEL-Radfahrer freigegeben. In Boston waren die Einwohner besonders hilfsbereit und freundlich. Sehenswert war zum Ende die Stadtdurchfahrt Cambridges. Eine letzte Schlafpause gönnte ich mir in Henham. Die restlichen 43 Kilometer genoß ich im Sonnenschein. In Writtle gab es Applaus fürs Ankommen - jedoch kein Zielbogen, kein Finish. Neben dem letzten Stempel gab es die ursprüngliche Finisher-Medaille jetzt als Erinnerungsstück an eine besondere, einmalige Radausfahrt.

Resultat: 1050 Kilometer, 97h, 13 Kontrollstempel, 1 Erinnerungsmedaille = LFL ein einmaliges unvergessliches Radabenteuer.

The End

So gesehen war es meine 4. Fahrt mit 1000 Kilometer in diesem Jahr. Pannen - und unfallfrei, ohne Sturz oder andere Probleme. Über die Kompensation der fehlenden Homologation werde ich mir später in Ruhe und etwas Abstand die nötigen Gedanken machen. Erstmal überwog die Freude über den glücklichen Ausgang dieser Tour. Ein Brevet ist und bleibt ein Brevet, und es ist immer anders. England hat mir gefallen, auch wenn ich nicht alles gesehen habe und es keinen schottischer Wiskey gab. LEL 2029? Mal sehen.

Leandro traf ich glücklicherweise zum Schluß auch noch am Start/Zielort. Leider war die Zeit etwas knapp bei uns. Er lud mich zum Super-Brevet LGR1200km nach São Paulo im April nächsten Jahres ein. Warum nicht!? Bom, vamos lá então. Es gibt noch viel zu erfahren.